
Marlow Moss (1889-1958)
Ohne Titel (1956–1957)
Bemaltes, glasfaserverstärktes Polyesterharz
Gemeinde Blonay–Saint-Légier, Schweiz
Nachlass von Herrn Wouter Stefan Nijhoff (1916–1986)
Im Jahr 2026 präsentiert das Georg Kolbe Museum eine bedeutende Ausstellung mit Skulpturen der Konstruktivistin Marlow Moss (1889–1958). Es ist die erste große Schau dieser wegweisenden Künstlerin in Deutschland – eine Schlüsselfigur der abstrakten Kunst wird in den Fokus gerückt.
Als eine der wenigen in den avantgardistischen Kreisen aktiven und anerkannten Frauen sowie als Mitglied der Pariser Künstler*innenvereinigung Abstraction-Création entwickelte Moss eine unverwechselbare Formensprache zwischen Malerei und Skulptur. Mit ihren streng rhythmischen Kompositionen, geometrischen Reliefs und ihrer innovativen Verwendung der Doppellinie in der konstruktivistischen Malerei und Skulptur suchte sie nach einer universellen Ordnung von Farbe, Linie und Raum.
Lange Zeit blieb ihr Werk im Schatten der Kunstgeschichte – nicht zuletzt aufgrund von Verfolgung, Exil, dem Verlust vieler Arbeiten und ihrem queeren Selbstverständnis. Das Georg Kolbe Museum präsentiert es nun in einer Ausstellung. Erstmals werden dabei die noch erhaltenen Skulpturen von Marlow Moss gemeinsam gezeigt. Malerei, Zeichnungen, Fotografien, Filme und Archivmaterial ergänzen die Ausstellung, die ein eindrucksvolles Bild der künstlerischen Vision und des bewegten Lebens von Moss zeichnen.
Die zeitgenössischen Künstler*innen Leonor Antunes (*1972), Tacita Dean (*1965), Florette Dijkstra (*1963) und Ro Robertson (*1984) bereichern die Ausstellung mit ihren eigenen künstlerischen Perspektiven, die verschiedenste Verbindungslinien zu Moss eröffnen. Im lebendigen Dialog der Werke entsteht so eine fesselnde Begegnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Die Ausstellung führt Leihgaben aus bedeutenden Museen und Archiven in Großbritannien, den Niederlanden, der Schweiz, Frankreich, den USA und Deutschland sowie zahlreichen Privatsammlungen zusammen.
Kuratiert wird das Projekt von Dr. Lucy Howarth und Dr. Elisa Tamaschke. Begleitend erscheint ein zweisprachiger Katalog (dt./engl.) im Hirmer Verlag.
Text: Georg-Kolbe-Museum
Foto: Jens Ziehe
Beitrag in The Guardian
Eines der ausgestellten Werke befindet sich im Besitz der Gemeinde Blonay–Saint-Légier in der Schweiz und war dort mindestens vierzig Jahre lang im Freien ausgestellt. Die große, weiß lackierte Polyester-Skulptur besteht aus einer Grundform mit sieben Seiten, die von einem Würfel abgeleitet ist, auf der zwei hintereinander angeordnete Kugeln ruhen. Die Skulptur könnte einem heute verlorenen Original aus Stein oder Marmor nachempfunden sein. Es wurden frühe Schwarz-Weiß-Fotografien gefunden, die zeigen, dass die Kugeln – die eine kleiner und rund, die andere länglich und größer – in umgekehrter Reihenfolge auf dem Sockel angeordnet waren. Für die Ausstellung hatten die Reinigung, das Ausbessern und die Retusche von Schäden an der Farbschicht sowie am glasfaserverstärkten Polyester-Gießharz höchste Priorität. Die Skulptur musste restauriert werden, da sie den Witterungseinflüssen, darunter Wetter, Sonnenlicht, Schmutz und organischer Bewuchs, ausgesetzt war. Das Fehlen eines Sockels setzte den Grundform zudem der Gefahr von Stößen und Kratzern aus. Weitere Untersuchungen zur Geschichte dieser Skulptur, zum Entstehungsprozess, zur Herkunft der verschiedenen Farbschichten, zur möglichen Umkehrung der Kugeln sowie zur Erhaltung des Materials für die Zukunft werden zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden. Das nun in neuem Glanz erstrahlende Werk wird in Innenräumen ausgestellt.
Text der Autorin, Berlin, Juni 2026